300 Straßen haben eine Verbindung zum Franquismus / Junge Welt

Posted on 2016/01/08

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Der Stadtrat von Madrid hat endlich zugestimmt, das Gesetz des historischen Andenkens umzusetzen. Ein Gespräch mit Julián Vadillo
Interview: Carmela Negrete

Aus: Junge Welt  – Ausgabe vom 07.01.2016, Seite 8 / Ausland

Julián Vadillo ist Doktor der Geschichte der Universität Complutense und einer der zwei Direktoren des »Umfassenden Plans zum historischen Gedenken« in Madrid.

Sie haben mit anderen, basierend auf dem Gesetz des historischen Andenkens von 2007 einen »Umfassenden Plan zum historischen Gedenken« für die Stadt Madrid entwickelt. Was sieht dieser vor?

In der Presse dominierte die Berichterstattung über die Änderung von Straßennamen, aber es geht um viel mehr. Geplant ist ein grundlegender Wandel der öffentlichen Symbole der Stadt Madrid. Es geht um die Entfernung von Statuen und Denkmälern und darum, die Geschichte des Franquismus auch im Stadtbild endlich aufzuarbeiten. Wir sind ein Team von sechs Profis, darunter Rechstanwälte, Historiker und Architekten. Diese entwickelten aus dem sogenannten Gesetz des historischen Andenkens und mit Blick auf die Menschenrechte Vorschläge, die das Rathaus nun umsetzen sollte. Die letzte Entscheidung liegt aber beim Stadtrat.

Wann werden die ersten Straßennamen geändert?

Vergangene Woche wurde über die Umbenennung von 30 Straßen abgestimmt. Jetzt werden die entsprechenden Verfahren eingeleitet, und ich gehe davon aus, dass es innerhalb des ersten Halbjahrs die neuen Namen geben wird. Der komplette Plan sieht das für ungefähr 300 Straßen von Madrid vor, die immer noch Verbindung zum Franquismus haben.

Welche Bedeutung hat dieser Schritt?

junge Welt – Halt deine Presse
Er ist aus verschiedenen Gründen immens wichtig. Zum einen weil damit endlich das Gesetz des historischen Andenkens auch in der Hauptstadt umgesetzt wird. Es wurde 2007 verabschiedet und nur wenige Städte haben es bis jetzt angewendet. Es ist notwendig die Straßennamen endlich anzupassen, um die Namen von Kriegsverbrechern aus dem Madrider Stadtbild zu verbannen. Noch gibt es Straßen und Plätze, die »Kommandant Franco«, »General Yagüe« oder »General Samarrería« heißen, dabei haben diese Leute im Bürgerkrieg Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen.

Es geht also auch darum, internationales Recht umzusetzen. Amnesty International und die zuständigen Stellen der Vereinten Nationen haben sich mit den hiesigen Gedenkverbänden ausgetauscht und diesen Aspekt betont. Sie fordern auch juristische Wiedergutmachung für die Opfer des Franquismus und eine faktentreue Darstellung der historischen Zusammenhänge. Seit dem Ende des Franquismus sind fast 40 Jahre vergangen – endlich wird die Aufarbeitung der Zeit auch in institutionalisierter Form angegangen.

Wie ist Ihr Plan zustande gekommen?

Die historische Aufarbeitung des Franquismus war Teil des Wahlprogramms der neuen linken Partei Ahora Madrid. Dazu gehörte unter anderem die Entfernung aller faschistischen Symbole. Nachdem sie die vergangene Wahl auf kommunaler Ebene für sich entscheiden konnte, ist sie diesen Schritt angegangen, indem sie einen Vertrag mit der historischen Fakultät von Complutense abgeschlossen haben. Der Plan wurde zusammen mit Gedenkverbänden entwickelt. Die Rolle des Lehrstuhls war es, die Forderungen der Betroffenen durch Fachwissen zu ergänzen.

Es gibt durchaus Gegner Ihres Vorhabens

Für uns geht es nicht um Ideologie oder historische Debatten. Ich bin Historiker – wenn Kollegen nicht mit meinen Schlussfolgerungen einverstanden sind, können sie auf Konferenzen oder in Zeitschriften widersprechen. Bei der Tilgung des faschistischen Gedankenguts reicht es allerdings, den gesunden Menschenverstand zu bemühen. Und dieser sagt uns, dass nach General Juan Yagüe, der 2.500 Menschen in einer Stierkampfarena umgebracht hat, keine Straße benannt werden soll.

Enthält Ihr Plan auch Vorschläge für die Demontage oder zumindest eine Veränderung des Mausoleums von Franco?

Leider liegt das nicht in der lokalen Kompetenz des Rathauses von Madrid. Wir haben uns mit diesem Punkt also gar nicht befasst.

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